ein hotelzimmer in den 40er jahren
Ein Hotelzimmer in den 40er-Jahren

Ich dachte, ich sei der erste Casanova in Solothurn

Februar 1946: Europa liegt zu grossen Teilen in Schutt und Asche. Der Zweite Weltkrieg ist seit einem halben Jahr vorbei - die Soldaten der Siegermächte sind noch da- Auch in der Schweiz. Ein ganz gewöhnlicher Tag in Solothurn: Wären da nicht die jungen Männer, die sich so deutlich von allen Passanten unterscheiden. Es sind amerikanische Soldaten, die sich auf einer Urlaubsreise durch die Schweiz befinden und deren Tross in Solothurn Halt gemacht hat.

Ein paar Soldaten gruppieren sich locker vor ihrem Hotel, und schnell ist ein Erinnerungsfoto geschossen. Just dieses Foto taucht nach Jahrzehnten in der Privatsammlung eines Soldaten wieder auf und gelangt nach Solothurn -dorthin. wo es vor über sechzig Jahren aufgenommen worden ist: in den Roten Turm.

Essen und Schlaffen bleiben im Gedächtnis
Gefunden und in den Roten Turm geschickt hat das Bild William McWeeney aus Houston, Texas. Auf dem Foto ist McWeeney kaum zu übersehen. "Ich bin der grosse Amerikaner auf der rechten Seite des Bildes", erklärt er. Der heute 84-Jährige schreibt: "Ich hatte damals das Vergnügen, in diesem schönen Hotel zu wohnen."

Die Amerikaner bleiben zwei Nächte in der Barockstadt und sind begeistert. "Ich erinnere mich, dass das Essen im Roten Turm exzellent war - eine willkommene Abwechslung zum Army-Essen, das wir zu dieser Zeit vergesetzt bekamen." Und auch die Betten im Turm haben es dem Soldaten angetan: "Im Gedächtnis geblieben sind mir auch die flauschigen, mit Gänsefedern gefüllten Duvets auf meinem Bett. Kein Vergleich mit den kratzenden Armee-Wolldecken."

Für William Mc Weeney sind die Ferien in der Schweiz eine einmalige Sache. Seither war er nie mehr in der Schweiz. "Ich hoffe, eines Tages die wunderschöne Schweiz noch einmal besuchen zu können." Sollte diese der Fall sein, wolle er auf jeden Fall im Roten Turm übernachten, betont er.

william mcweeney
William McWeeney, zweiter von rechts

"Hävu iu Tschuwing Göm"
Die amerikanischen Soldaten sind in der Schweiz eine Sensation. Die Männer bringen nicht nur eine Prise Abenteuen und den Duft der grossen weiten Welt, sondern auch haufenweise Produkte mit, die man bis anhin nicht oder nur kaum gekannt hat. Kaugummi, Coca-Cola, Rasierschaun aus der Tube oder Zigarettten: Die Amis haben alles dabei und verschenken die für sie selbstverständlichen Dinge an die erstaunten Schweizer.

Ein Stammgast des Turms erinnert sich: "Häve iu Tschuwing Göm?" Das sei einer der Bruchstücke Englisch, die er und seine jugendlichen Kollegen jeweils über die Lippen gebracht hätten. "Die Geschenke - meistens Kaugummi - haben einige dann in der Schule verkauft", weiss er zu berichten. Die Amerikaner seien stets anständig gewesen. "Sie wurden gefeiert wie Helden", so der Stammgast. Rassige Burschen seien sie gewesen, ergänzt seine Frau. "Die Uniformen waren rassig - die Männer zum Teil auch. Da konnten die Schweizer in ihren grauen Felduniformen einpacken" schmunzelt sie.

veronika lake
Veronica Lake

Eine Basler Hollywood-Schönheit
Tatsächlich steht ein Teil der Schweizer Frauenwelt ob der amerikanischen "Belagerung" regelrecht Kopf. William "Bill" McWeeney macht kein Hehl daraus, dass seine Zeit im Nachkriegseuropa auch durch - sagen wir - Damenbekanntschaften versüsst worden ist. Eine Geschichte, die sich in Basel ereignet, bringt ihn in leichtes Schwärmen:

"Ich habe in einem Club dieses atemberaubende Mädchen getroffen. Sie sah aus wie die damals sehr bekannte Hollywood-Schauspielerin Veronica Lake. Leider kann ich den Rest der Geschichte nicht preisgeben - aus Rücksicht auf die Dame. Sie könnte ja noch am Leben sein."

William McWeeney scheint nicht nur in Basel dem Charme und den Reizen der Schweizer Frauen erlegen zu sein. Über seine kurze Zeit in Solothurn schreibt er mit für den Leser förmlich greifbarem Lächeln: "Ich werde im April vierundachtzig Jahre alt. Lassen Sie mich nur soviel sagen: Bevor ich Jahr später die Geschichte Solothurns gelesen habe, dachte ich damals, ich sei der erste Casanova, der in Solothurn zu Besuch war."

zwei welten prallen aufeinander
Zwei Welten prallen aufeiniander: die feldgrauen Schweizer Soldatenuniformen und Café Hag, ein revolutionäres Produkt aus Amerika.

Die Weiss Leave Tours
Die Idee, dass amerikanische Soldaten in der Schweiz Urlaub machen, stammt bereits aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Damals scheiterte ein solches Projekt allerdings an der Haltung der Schweiz. Die Landesregierung duldete keine fremden Soldaten in Uniform auf Schweizer Boden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich die Überlegungen allerdings geändert. Es setzte sich die Ansicht durch, dass die Aktion für die Schweiz von grossem Vorteil sei. Angesichts der möglichen Einnahmen von über 75 Millionen Franken zeigte sich die Regierung sogar im heiklen Punkt der Uniformierung sehr kulant. Die Amerikaner durften das Land in Uniform bereisen. Pro Soldat winkten 300 Franken Umsatz - 150 Franken liessen sich die Amerikaner das Reisearrangement kosten, und jeder Soldat verfügte über 150 Franken Taschengeld.

Die Aktion für amerikanische Armeeangehörige startete im Juni 1945 und dauerte bis zum Juni 1947. Initiierte worden waren diese - nicht nur in die Schweiz führende - Urlaube von amerikanischen Offizieren. Die Einreise in die Schweiz erfolgte über die Grenzübergänge in Basel und Chiasso, vonwo die GL's dann zu ihren einwöchigen Aufenthalten aufbrachen.

© Hotel Roter Turm, 4500 Solothurn