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Pferde wollen gepflegt sein. Wie das geht, wird hier am lebenden Objekt vorgeführt.

Ross und Reiter im Turm

Der Turm und das Ross: Eine Verbindung, die so abwegig nicht ist. Wir haben einige Anekdoten aus vergangener Zeit ausgegraben. Sie zeigen, wie wichtig das Pferd für die damalige Politik und 
die Wirte in Solothurn war.

Würde heutzutage ein Gast hoch zu Ross im Roten Turm einkehren, wären ihm ungläubige, ja verstörte Blicke gewiss. Man stelle sich vor: Das Pferd würde am Zeitungsständer des Kiosks vor dem Turm angebunden, das Fuhrwerk quer vor dem Schuhladen geparkt. Die Begeisterung würde sich allenthalben wohl in engen Grenzen halten.

Was heute wie eine Szene aus einer englischen Comedy-Serie daherkommt, war vor einem knappen Jahrhundert Gang und Gäbe. Pferde waren ein fester Teil des Solothurner Stadtbildes. Die Gasthöfe besassen sogar eigene Stallungen, um die vierbeinigen Transportmittel ihrer Gäste unterbringen und versorgen zu können. Ende der 1920er Jahre waren dies noch der Adler (Wirt E.Uebersax-Marti), das Misteli-Gasche (geführt vom gleichnamigen Wirt) und der Rote Turm unter dem Wirt Ernst Marti-Kissling (s. Turmwächter 12/2010). Auf dem alten Wirtshausschild, das in der Turmstube im Original zu bewundern ist, wird sogar mit den Stallungen und Remisen geworben. Doch besonders für das Militär waren die Stallungen wichtig.

Stallvergütung zu tief
Die drei genannten Herren Wirte waren es auch, die im Jahre 1928 ein gemeinsames Gesuch an den Gemeinderat stellten. Inhalt: Die Forderung nach einer Erhöhung der Stallvergütung. Die Wirte erhielten nämlich von der Stadt für jedes Truppenpferd «10 Cts. pro Nacht (inkl Dünger)». Geschickt im Verhandeln mussten die Herren gewesen sein, forderten sie doch von der Stadt eine satte Verfünffachung (!) der Entschädigung. Als Argument wurde die Tatsache in die 
Waagschale geworfen, dass «die wenigen Stallungen in der Stadt nicht eingehen und bei Truppeneinquartierungen die Pferde noch untergebracht werden können». Der Gemeinderat hatte Verständnis für das Anliegen der Wirte: «Es muss zugestanden werden, dass die bisherige Entschädigung pro Pferd und Nacht mit 10 Cts. als minim bezeichnet werden muss.» Nach diesem Satz im Gemeinderatsprotokoll vom 21. August 1928 endet allerdings das Verständnis des Rates: 
«Keinesfalls kann aber dem Begehren der Gesuchsteller, Erhöhung dieser Gebühr auf 50 Cts., Folge gegeben werden.» Schliesslich beschloss der Rat eine Erhöhung auf 20 Cts., was immerhin eine Verdoppelung des bisherigen Satzes darstellte. Fünf Mal mehr fordern, zwei Mal mehr erhalten – was entfernt an heutige Lohnverhandlungen erinnert, schien schon damals eine übliche Verhandlungstaktik gewesen zu sein. 

Ross Reiter 1
Auf dem Märetplatz (hier von Osten her aufgenommen) herrschte bis in die 1930er-Jahre regelmässig ein Verkehrschaos.

Verkehrschaos am Marktplatz 
Zwei Jahre nach dem Erhöhungsentscheid für die Unterbringung der Vierbeiner musste sich der Gemeinderat ein weiteres Mal mit der Kombination aus Pferden und Turmwirt Marti-Kissling auseinandersetzen. Dieser liess nämlich ohne Rücksicht die Fuhrwerke seiner Gäste mitten auf dem Marktplatz abstellen. Das Polizeikommissariat rapportierte entrüstet den Stadtvätern. Und diese hielten protokollarisch fest, dass Marti-Kissling sich «das Recht herausnehme, an Markttagen, nach alter Väter Sitte auf dem Marktplatz beim Brunnen, seine Wagenburg aufzurichten, womit, wie jedermann sehen könne, der Verkehr auf dem Marktplatz direkt gehindert und gefährdet werde.»

Andere Verkehrsverhältnisse 
Der Turmwirt nahm die Geschichte gelassen. Schliesslich hatte er sich zur Zeit, als auf dem Marktplatz noch ein Bus des Autobusverkehrs Solothurn-Wasseramt verkehrt hatte, strikt an das damit verbundene Parkverbot für Fuhrwerke gehalten und seine Pferde brav in die Schaalgasse dirigiert. Mit dem Wegfall des Autobusverkehrs sei das Verbot nicht mehr haltbar und somit der Platz wieder frei für Fuhrwerkparkplätze, so Martis Argumentation. 

«Hr. Marti scheint noch nicht zu begreifen, dass wir heute andere Verkehrsverhältnisse haben, als im letzten Jahrhundert, wo man diese Wagenburg stillschweigend geduldet habe.» Die Antwort der Gemeinderats-Kommission liess wenig Spielraum für Interpretation. «Hr. Marti wird daher verhalten, zukünftig sich an diesen Beschluss strikte zu halten und die Gastfuhrwerke auf den zugewiesenen Platz beim Landhaus zu verweisen. (...) Zukünftig vorkommende Widerhandlungen werden in üblicher Weise ihre strafrechtl. Erledigung finden.» Ende der Durchsage.

Ross Reiter 3
Mit der Armee kamen auch die Pferde nach Solothurn (hier am Kronenstutz). Die wenigen Gasthöfe, die noch über eigene Stallungen verfügen, beherbergen Ross und Reiter. Bezahlt hat die Übernachtungen der Tiere die Stadt.

Kneiplokal und Kamillentee
Die Aktivitäten und Institutionen rund ums Pferd gingen auch an der Studentenverbindung Dornachia, deren Kneiplokal sich seit den Anfängen des vorletzten Jahrhunderts im Roten Turm befindet, nicht spurlos, pardon geruchlos, vorüber. Das alte Kneiplokal war nämlich ein schmaler Schlauch, der sich damals zwischen Stallungen und Bierdepot drängte. Als das Kneiplokal den Baumaschinen weichen musste (s. Turmwächter 15/2013), wurde die altehrwürdige Lokalität vom ehemaligen Fuchsmajor und Bauherren des neuen Turms Ernst Fröhlicher mit folgendem Vers aus der Feder des Malers und Lyrikers Werner Miller verabschiedet:

«Und riecht’s hier mal 
Nach Pferden
Und duftet’s mal
Nach Mist,
Was gibt es denn auf Erden,
Das ganz vollkommen ist!»

Und während die Studenten fröhlich am Kneipen waren, machte man sich im Turm Gedanken zur Gesundheit der beherbergten Tiere. So findet sich im Kochbuch der Turmwirtin Elise Marti-Kissling aus dem Jahre 1894 zwischen «Suure Mocke» und «Fasnachtsschenkeli» tatsächlich ein Kapitel «Hausmittel für Krankheiten bei Haustieren». Traten bei einem Pferd beispielsweise Bauchschmerzen auf, verordnete die Turmwirtin dem Patienten «Kamillentee alleine oder mit etwas Enzian». Anschliessend sollten die Pferde «etwas geführt» werden. Frische Luft hat ja bekanntlich noch nie geschadet. Eine Medizinerin war Elise Marti aber nicht. Nach Kamillentee und Freigang war auch sie mit ihrem veterinärmedizinischen Latein am Ende: «Und wenn nicht Besserung eintritt, wird der Doktor geholt.»